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Cornelius

17. Juni 2026, 14:02 Uhr

Verschwörungserzählungen, Corona Pandemie

Gleiche Reaktion - anderes Weltbild

Meine interessantesten politischen Diskussionen hatte ich bisher immer in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich nutze sie oft und komme dadurch mit ganz unterschiedlichen Personen ins Gespräch. Das sagt vielleicht mehr über meine Pendelstrecke aus, als über mich, aber dennoch ist mir das Muster aufgefallen. Grundsätzlich versuche ich in Bus und Bahn auf meine Umgebung zu achten. So bemerke ich es, wenn eine ältere Person einen Sitzplatz sucht oder wenn für einen Kinderwagen Platz gemacht werden muss. Es kostet mich keinen Aufwand und vielleicht erleichtert es das Leben der anderen. So kam ich auch heute mit einer ca. 60-jährigen Frau in der S-Bahn ins Gespräch.

Zusammengebracht wurden wir durch unsere gleiche Reaktion auf das Niesen einer Mitpassagierin. Als unsere Gesundheitswünsche wegen ihrer Kopfhörer nicht durchdrangen, kamen wir stattdessen ins Gespräch. Es ging allgemein um « auf andere achten » und seinen Mitmenschen helfen. Ilse, meine Gesprächspartnerin, erzählte mir von ihrer Familie aus NRW, ihrer Tätigkeit als Physiotherapeutin und ihrem Alltag als Rentnerin. Sie hat nie geheiratet und keine Kinder, um die sie sich kümmern muss, daher verbringt sie viel Zeit damit, ihre Verwandtschaft oder Freunde zu besuchen. Vor allem während Covid sei das sehr schwierig für sie gewesen. Sie brachte ihre Unsicherheit gegenüber Quellen und Informationen aus dem Internet bezüglich Corona zum Ausdruck. » Was echt oder erfunden ist, kann man kaum mehr durchdringen. «

Ich konnte ihr Gefühl der Ohnmacht aufgrund der Menge an Informationen bzw. Mis- oder Desinformation nachempfinden. Das andauernde Recherchieren und Überprüfen von Nachrichten, vor allem während der Corona Pandemie, war erschöpfend. Ich versuchte ihre Emotionen zu spiegeln und erzählte ihr von meinem Interesse an Verschwörungserzählungen und Desinformation. Ich teilte ihre Auffassung, dass es inzwischen nicht einfach sei, zuverlässige Informationen im Internet zu finden, vor allem auf Sozialen Medien. Wir sprachen darüber, dass Inhalte, die Wut, Frust oder Angst auslösen, weit häufiger geliked, kommentiert oder weitergeleitet werden und sich dadurch auch viel stärker verbreiten. So erfahren die Inhalte eine große Viralität, Legitimation und Nutzer bleiben länger auf der Plattform, um mehr über das Thema zu „lernen“. Das ist im Interesse der Plattformen, da sie mit einer höheren aktiven Nutzerschaft, mehr Werbeeinnahmen generieren können. Daher haben Plattformen, wie Facebook oder Instagram, kein Interesse, die Inhalte zu überprüfen oder zu löschen, unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Deshalb sind Soziale Medien selten eine zuverlässige Quelle.

Sie gab mir Recht und war selbst überzeugt, man würde von den Medien häufiger belogen werden, als man denkt. Bei dem Satz hielt ich kurz inne. Ich fragte vorsichtig, wovon sie spreche. « Ja zum Beispiel die ganzen Zahlen während Corona und die Regeln, die eingeführt wurden, da hat ja nichts gestimmt. « Ich war überrascht. Zu Beginn des Gesprächs war ich mir sicher, dass sie mit « seriösen Quellen « tatsächlich seriöse Quellen meinte und nicht wie sich herausstellte, diverse Facebook-Gruppen und Telegramm Channels. Ich entschied mich, etwas vom Thema abzulenken, indem ich von meinen eigenen negativen Erfahrungen während Corona erzählte. Die Ausgangssperre oder die Unmöglichkeit sich in Person zu treffen, haben mich sehr geprägt und ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind. Deswegen habe ich mich auch sehr gefreut, als ich mich endlich impfen lassen konnte. Ich musste mir keine Sorgen mehr machen, meine Freunde oder Familie anzustecken.

Sie konnte meine Gründe nachvollziehen und hielt sie nicht gegen mich. Dennoch fragte sie « welche von den Impfungen hast du denn bekommen? Die mit zwei Dosen oder nur einer Dosis? » Ich hatte mich mit BioNTech impfen lassen, was in zwei Dosen verabreicht wurde. Anscheinend hatte ich Glück gehabt, denn bei dem einmaligen Impfstoff, hätten die Patienten unterschiedliche Dosen bekommen. Das läge daran, dass die Wirkstoffe sich beim Lagern in einem Behältnis unten abgelagert hätten. Dadurch wäre es beim Verabreichen zu einer unregelmäßigen Verteilung der Wirkstoffe in der jeweiligen Spritze gekommen. « Wenn man eine Dosis von weiter oben bekommen hat, hatte man viel weniger Nebenwirkungen als weiter unten. Unten war dann die volle Ladung. »

Das war auch der letzte Teil unseres Gesprächs. Wir verabschiedeten uns und ich wünschte ihr alles Gute für ihre zukünftigen Reisen. Nachdem sie ausgestiegen war, ließ ich mir unser Gespräch nochmal durch den Kopf gehen. Hätte ich früher erkennen können, dass sie Corona skeptisch gegenüberstand? Sie hatte am Anfang vollkommen normal gewirkt, wie hatte ich mich so täuschen können? Doch je länger ich darüber nachdachte, fiel irgendwann der Groschen. Ich hätte es nicht vorher erkennen können, weil ich ihre Punkte vollkommen nachempfinden konnte und ihnen zustimme. Sie war genauso besorgt, wie ich darüber, welche Nachrichten im Internet wahr oder falsch sind. Sie hinterfragte, wie ich, die Validität der Inhalte, die sie konsumierte. Der Unterschied lag darin, dass sie für wahr hielt, was meiner Auffassung nach eine Verschwörungserzählung war, was ich hingegen für wahr hielt, war für sie Propaganda der Systemmedien.

Dennoch war das Gespräch angenehm. Wir ließen uns aussprechen, wir hörten einander zu und gingen auf die Punkte des anderen ein. Ihre Sorgen über die Menge an Mis- und Desinformation im Internet, ist eine die ich vollkommen teile. Bei uns beiden herrscht dasselbe Gefühl der Orientierungslosigkeit und Überwältigung. So konnte ich ihre Argumente nachvollziehen, auch wenn ich nicht den gesamten Kontext ihrer Argumentation kannte. Obwohl unsere Auffassungen nicht gegensätzlicher hätten sein können, hatten wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Was bleibt ist dieselbe emotionale Ausgangslage, aus der wir ein komplett anderes Weltbild entwickelten.


 

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